Interview mit Kirsten Boie Teil 2/3

„Keiner ist nur so oder so!“

Netterweise hat sich die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie Zeit für ein Interview mit mir genommen. Fast jedes Kind kennt bestimmt eine ihrer Geschichten: Egal ob Möwenweg, Sommerby, der kleine Ritter Trenk oder ihre Friedhofkrimis: Kirsten ist in vielen verschiedenen Genres vertreten. Hier erzählt sie mir von ihren aktuellen Projekten, Geschichten, die sie als Kind geliebt hat, gibt Schreibtipps und erzält, welchen ihrer Charaktere sie in einer schlaflosen Nacht am ehesten anrufen würde.

Also kennst du das nicht, dass es dich manchmal nervt an den Schreibtisch zu gehen und du denkst: Oh, ich würde jetzt lieber etwas anderes machen?

Doch, das ist so, zum Beispiel, wenn ich wenig geschlafen habe oder Lust zu was anderm hab. Nehmen wir mal an, ich lese gerade ein Buch, dass ich toll finde, dann würde ich vielleicht auch lieber weiterlesen. Aber wenn ich mich hinsetze, ich zwing mich dann auch, weil ich denke, wenn ich einen anderen Beruf hätte, müsste ich auch morgens aus dem Haus gehen und könnte nicht sagen: Heute habe ich keinen Bock! Das geht einfach nicht. Das heißt, ich setze mich immer an den Laptop, zuerst lese ich durch, was ich am Tag vorher oder 2 Tage vorher geschrieben habe und dann rutsche ich automatisch wieder rein. Und dann ist es nicht immer -aber sagen wir mal zu 95%, wenn nicht zu 99 Prozent- so, dass wenn ich den letzten Satz lese, dass dann der nächste schon in meinem Kopf ist. Und dann muss ich nur weiterschreiben und bin schon in diesem Flow. Und wenn es nicht so kommt, ich habe den letzten Satz gelesen und überlege: Nee, was soll ich denn jetzt schreiben, steh ich auf. Dann weiß ich, dass es nicht geht. Das ist ganz selten so.

Krass… Ich hätte noch eine Frage zu einem deiner Bücher, zu „ein Sommer in Sommerby“ und zwar da verbringen die Geschwister Martha, Mikkel und Mats die Ferien bei der Oma und erleben Abenteuer. Warst du als Kind auch eher abenteuerlustig oder hättest du gerne welche erlebt?

Kindheit war früher was ganz anderes: Ich war nicht wirklich abenteuerlustig, aber ich bin zum Beispiel auf ganz hohe Bäume gestiegen. Und ich hatte mal eine Lesephase, da habe ich Karl May gelesen, ich glaube, dass ließt heute keiner mehr. Das waren solche Geschichten, die im Wilden Westen spielen und Karl May denke ich, hat für uns ungefähr das bedeutet, was Fantasy heute bedeutet; unglaublich spannende Geschichten! Gelesen habe ich so etwas leidenschaftlich gerne zum Teil oben im Baum -so weit war ich abenteuerlich. Aber sonst war ich eher ein ruhiges Kind und ‘ne ruhige Jugendliche. Und ich habe viel lieber spannende Bücher gelesen, auch als die Zeit kam, in der viele Freundinnen von mir anfingen so Liebesromane zu lesen, haben mich die meistens ehrlich gesagt gelangweilt. Ich habe dann lieber etwas Spannendes gelesen!

Ja, das kenne ich auch von mir…

Ja, guck! Ich glaube, dass geht ganz vielen Leuten so. Kennst du noch Enid Blyton?

Klar, die von „Fünf Freunde“ und „Tal der Abenteuer“!

Genau. Die Fünf Freunde und die Abenteuerbücher habe ich verschlungen. Ich hatte sie nur nicht selber, denn meine Eltern hatten wenig Geld, also musste ich die Bücher immer irgendwo her kriegen. Die waren damals noch nicht in Büchereien, weil die nicht als „wertvoll“ galten, was auch immer denn wertvoll sein mag, aber ich habe sie mir dann immer bei allen Freundinnen so zusammengesammelt und ich dachte, das war nur ich. Inzwischen stelle ich fest, dass ganz viele Autoren und Autorinnen und auch andere Büchermenschen, die -ich würde sagen- über 40 sind, erzählen praktisch alle, dass diese Bücher in ihrer Kindheit ihre Lieblingsbücher waren. Und das zeigt ja, dass es ganz viele Menschen gibt, die gerne spannende Bücher lesen.

Hast du dich denn dann so ein bisschen an deinen Vorbildern orientiert oder wolltest du so werden wie sie?

Das hätte ich mir glaube ich nicht vorstellen können, das wäre mir größenwahnsinnig erschienen, ja so etwas ist ja auch größenwahnsinnig. Es gibt keine Argumente gegen Vorbilder, ich finde es schon gut welche zu haben, aber zu versuchen genau so zu werden wie sie ist Quatsch, weil man ein ganz anderer Mensch ist. Von mir wird manchmal gesagt, so wie von Cornelia gesagt wird, dass sie die deutsche J.K. Rowling ist, so wird von mir manchmal gesgat: Die deutsche Astrid Lindgren. Da fühle ich mich unglaublich geschmeichelt, weil ich Astrid Lindgren ganz wichtig fand als Kind und immer noch finde, dass sie eine großartige Autorin war, die die Kinderliteratur revolutioniert hat. Aber trotzdem bin ich ja ganz anders, als sie und wenn sie heute schreiben würde, weiß ich nicht, ob sie heute solche Bücher schreiben würde, wie ich sie schreibe. Ich denke, man muss auch nicht versuchen so zu werden wie sein Vorbild, aber man kann natürlich gucken: Was finde ich daran großartig und versucht das auch so zu machen!

Also, jetzt mal eine ganz andere Frage! Welchen deiner Charaktere würdest du in einer schlaflosen Nacht am ehesten anrufen?

(lacht) Da ist immer die Frage: Wer wäre nicht sauer, oder? Also zum Beispiel Oma Inge aus Sommerby, selbst jetzt wo sie ein Telefon hat, weiß ich nicht, was die mit mir machen würde, wenn ich sie mitten in der Nacht anrufen würde. Lass mich mal überlegen… Weil mir das so spontan eingefallen ist (und dann ist es wahrscheinlich so) – Ich würde wahrscheinlich Jarven aus den Skoglandbüchern anrufen. Das ist so eine Mischung aus Prinzessinnengeschichte und sagen wir Thriller. Die find ich ´ne spannende Figur, weil die auch ziemlich Schwieriges durchmachen muss, ich glaube nicht, dass sie wütend wäre, wenn man sie in einer schlaflosen Nacht anrufen würde, einfach weil die schon so viel erlebt hat. Auch nachts. Da wäre die wahrscheinlich nicht so getroffen.

Und was macht für dich dann so eine spannende Figur noch aus? Weil du meintest ja, Jarven wäre so eine interessante Figur. Aber wie muss die sein?

Jarven hat ‘ne schwierige Aufgabe zu erfüllen, ist ungefähr so alt wie du und sie gewinnt ein Casting für einen Film, sie denkt es ist ein Casting, muss aber in Wirklichkeit eine Prinzessin doubeln. Dabei handelt es sich um so einen Staatsstreich, es gibt Rebellen, es gibt wirklich hochdramatische Situationen und das muss sie ja alles durchstehen und in der Zeit entwickelt sie sich. Also, ich denke, Charaktere, die nicht so eindimensional sind. Natürlich brauchst du manchmal Nebenfiguren, die bleiben notwendig eindimensional, weil sie nicht so oft auftauchen, du hast gar nicht die Zeit ihnen so viel mitzugeben! Aber die eigentlichen Protagonisten sollten immer viele, viele Facetten haben, weil wir das ja alle haben. Keiner ist ja nur so oder so. Wir wissen das alle von uns, dass wir nicht so eindeutig sind. Ich finde, dass gehört zu Charakteren in Büchern auch dazu, sonst machen sie mir keinen Spaß!

Kann ich verstehen! Hast du denn noch irgendwelche anderen Tipps für Leute, die gerne schreiben?

Das werde ich unglaublich oft gefragt und dann denke ich immer: Was hat mir am Meisten geholfen? Ich habe ja Literaturwissenschaften studiert, habe sogar promoviert, du könntest jetzt auch Frau Doktor zu mir sagen, wenn du es wolltest.

Frau Doktor Boie! 😄

Ja genau, aber ich würde es nicht wollen (lacht). Ich habe das sehr intensiv studiert und dann denken immer alle, das ist die Grundlage fürs Schreiben, aber das ist es nicht. Ich sage nicht es schadet, aber was für mich wichtig war, war nur das Lesen. Mit jedem Buch, was du liest und natürlich vergisst du über 90% der Bücher, die du im Laufe des Lebens liest, aber du speicherst ja immer Teile im Unterbewusstsein ab. Und mit all diesem Material kannst du dann später arbeiten. Ich glaube das ist der Grund, warum mir das immer so zugespielt wird. Warum diese Sätze plötzlich auftauchen. Weil da so furchtbar viel ist, was mein Unterbewusstsein durchstöbern kann. Deshalb empfehle ich immer ganz, ganz viel zu lesen und zwar das, was einem Spaß macht (wenn es einen quält – Für mich sind so 30 Seiten das Limit, dann aufhören, weil das bringt einem dann in der Hinsicht sowieso nichts.) Es kann natürlich nicht schaden, wenn man ein bisschen theorethisches Wissen hat. Das muss nicht so komplex sein. Und dann ist die Frage, wie baue ich einen Roman auf? Natürlich brauchst du `ne Idee, aber ich würde immer mit den Charakteren anfangen, weil ich die für das Wichtigste halte. Wir interessieren uns alle für Menschen, wenn wir uns mit jemandem treffen, dann interessiert dich doch am Meisten auch vielleicht so Klatsch über jemand anderen, reden über andere. Na gut, du hast vielleicht ´nen besseren Charakter, als ich. Ich glaube, uns alle interessieren Menschen am meisten. Deshalb ist es wichtig sich zu Anfang viele Gedanken über seine Charaktere zu machen. Man kann auch auf grund dessen, was man sich für seine Charaktere ausgedacht hat, die Handlung entwickeln. Das gibt einem ja auch viele Anregungen für die Handlung.

Ja, das stimmt schon.

Und so würde ich vorgehen. Wie gesagt, ich mache das nicht bei jedem Buch im Detail, sondern nur stichwortartig, weil es nachher sowieso wieder anders wird.

Schreibst du gerade auch an einem Buchprojekt oder so etwas?

Ich pendele zwischen zweien und das ist ganz blöd…

Oh! Man ist doch eigentlich eher so in einem drinnen, oder?

Es ist viel besser, wenn du genau weißt, was du willst und das entwickelst. Das ist zwar auch noch eine kribbelige Phase, weil du noch nicht so weit bist, aber das ist einigermaßen okay. Aber ich pendle zwischen zweien, bei denen ich bei beiden denke, ich möchte sie schreiben; Sie sind aber ganz unterschiedlich und ich versuche jetzt rauszukriegen, welches ich zuerst schreiben will.

Ah! Und das heißt, ich befasse mich mit beiden immer so abwechselnd, das ist keine tolle Zeit.

Damit geht dieses Interview für heute zu Ende. Der nächste und letzte Teil kommt in ein paar Tagen raus. Kommentiert bis dahin doch mal, welche Fragen euch gegenüber Kirsten Boie interessieren würden.😅

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