Interview mit Kirsten Boie Teil 3/3

Zwei ihrer mittlerweile 3 “Sommerby”-Bücher für Kinder…

„Kreativität muss frei sein!“

Netterweise hat sich die bekannte Kinder- und Jugendbuchautorin Kirsten Boie Zeit für ein Interview mit mir genommen. Fast jedes Kind kennt bestimmt eine ihrer Geschichten: Egal ob Möwenweg, Sommerby, der kleine Ritter Trenk oder ihre Friedhofkrimis: Kirsten ist in vielen verschiedenen Genres vertreten. Hier erklärt sie mir, wieso sie findet, dass man Kreativität nicht erzwingen sollte, was sie schreiben würde, wenn sie nur noch einen Satz verfassen dürfte und redet mit mir über das Lektorat.

Gerade im Moment habe ich es tatsächlich, dass wenn ich etwas Schreiben will, komme ich nicht so wirklich voran. Das hatte ich vorher eigentlich nicht, weil irgendwie ist jetzt halt auch so ein „NaNoWriMo“, so eine Challenge, dass man im November irgendwie 50.000 Wörter schafft. Da dachte ich: Ja cool! Kann ich auch mal mitmachen, aber die Sache ist die: Wenn ich mir so ein Ziel setze, 50.000 Wörter, ich will die jetzt unbedingt schaffen! Dann schaffe ich eher gar nichts.

Das kann ich total verstehen. Ich glaube auch nicht, dass das der richtige Weg ist

Es klang halt so verlockend. Direkt 50 Tausend Wörter weiter sein. Neben der Schule schaffe ich nicht so viel sonst.

Logischerweise nicht. Deshalb ist es ja auch doof. Wenn man immer denkt, ich muss das schaffen, glaube ich, ist das für Kreativität nicht richtig. Kreativität muss frei sein! Deshalb schreibe ich meine Bücher immer nur, wenn ich weiß, das möchte ich jetzt schreiben. Ich weiß, das geht nicht allen Autoren so, manche müssen ganz viel schreiben, um genügend Geld zu verdienen und genügend Bücher für Lesungen zu haben, aber ich glaube, es ist viel schöner, wenn man seiner Kreativität den Raum lässt, den sie braucht und nicht immer sagt: „Nun, komm!“ So geht Kreativität nicht. So kann man Mathe machen, doch das sind einfach zwei Welten.

Das ist bei mir aber auch so, zum Beispiel im Kunstunterricht, wenn wir da etwas malen sollen… Zuhause bin ich super kreativ, aber kriege ich manchmal mein Bild einfach nicht auf die Kette, weil ich es einfach nicht mag, was man da arbeiten muss.

Ist ein super Beispiel, genau. Warum soll es beim Schreiben anders sein? Wobei, kleine Anregungen, glaube ich, können nützen. Also wenn nur ein oder drei Begriffe da sind, kann das manchmal ein Anstoß sein. Weil das fesselt einen ja nicht. Das setzt vielleicht eher Gedanken frei.

Wenn man gezwungen ist über eine Sache zu schreiben, fällt mir das echt schwer.

Wie gesagt: Zwang und Kreativität passen nicht zusammen. So einfach ist das. Ich weiß das aus Erfahrung.

Aber hast du denn keine Fristen bis wann du irgendetwas fertig geschrieben haben musst?

Nee, das mache ich einfach nicht. Ich schreibe nur, was ich möchte und das weiß niemand. Niemand weiß, woran ich gerade schreibe. Und erst wenn ich fertig bin… Das ist aber natürlich auch ein Privileg, wenn man so schreiben kann. Also ich musste nie eine Familie davon ernähren, weil ich habe auch einen Mann, der Geld verdient hat und wir konnten es uns teilen. Aber ich kenne Kolleginnen, die sind alleinerziehend und müssen zwei Kinder ernähren und können eben nicht sagen: „Ich schreibe nur, wozu ich Lust habe!“. Das ist natürlich auch ein bisschen unfair, weil ich denke, die haben dann nie die Chance ihre Kreativität voll auszuleben und vielleicht würden sie wenn sie das dürften, nochmal viel, viel bessere Bücher schreiben.

Kann schon sein. Was würdest du jetzt machen, wenn du nur noch einen Satz aufschreiben dürftest und danach nie wieder irgendwie ein Buch schreiben dürftest?

Einen Satz?! Du bist ja grausam! (überlegepause) ich glaube, ich würde schreiben: Egal was ist, das Leben ist schön.

Cool, das finde ich auch!

Trotzdem hoffe ich, du erlaubst mir noch ein paar Sätze hinterher.

Ja klar! (lachen) Ich will doch auch das neue Projekt irgendwann lesen.

Drück mir mal die Daumen, dass ich mich bald entscheiden kann.

Wird eigentlich noch viel abgeändert, wenn man es an einen Verlag schickt?

Ich weiß nicht, wie es bei anderen ist, aber bei mir nicht. Rechtschreibfehler mache ich nicht so viele, Zeichensetzungsfehler ein paar, aber ich bin Weltmeisterin in Wiederholungen, bestimmte Wörter tauchen auf einer Seite 3 oder 4 Mal auf. Das ist deshalb so erschreckend, weil als ich noch Deutschlehrerin war, habe ich immer zu den Schülern gesagt: „Lest es gründlich durch. Diese ständigen Wortwiederholungen, ihr findet sie, wenn ihr es durchlest.“ Und es ist nicht so. ich finde es nicht, wenn ich es durchlese, das müssen die Lektoren und Lektorinnen machen. An der Handlung ändern sie in der Regel nichts mehr. Wüsste ich kein Beispiel. Ein Buch von mir das heißt „Alhambra“, das ist ins amerikanische englisch gerade übersetzt worden und da wollten sie unglaublich viel ändern, beziehungsweise rausnehmen, weil es eben nicht politisch korrekt war. Da sind sie sehr streng. Damit meine ich zum Beispiel, auf einer Klassenfahrt, haben sie den ganzen Tag nur Besichtigungen gemacht und sind abends alle völlig fertig. Und ein Junge sagt (die sind alle so 15): „So, jetzt brauche ich ein Bier!“. Das darf der natürlich nicht sagen oder irgendwelche Mädchen haben sich geschminkt. Die Amerikaner ändern viel. Und was sie geändert haben, ist, dass Columbus Amerika entdeckt hat, das wird bei uns wahrscheinlich auch bald geändert werden, weil das nicht politisch korrekt ist, weil es da vorher schon die Indigenen gab. Und meine Argumentation war: „Aber das wussten wir ja nicht, wir kannten diesen Kontinent doch nicht, der ist doch da erst entdeckt worden.“ Aber das geht nicht, da mussten wir ganz schrecklich rumeiern, um das irgendwie anders zu formulieren. Gefunden hat er ihn auch nicht, da er ja schon vorher da war. Dann sag ich: „Man findet doch nur Sachen, die vorher da sind!“ aber das ist manchmal schwierig. Ich weiß, bei Cornelia Funkes „Herr der Diebe“, es wurde auch ins amerikanische übersetzt und da kommt ein Junge drin vor, der hat immer ‘ne Zigarette im Mundwinkel. Ich weiß gar nicht ob er raucht, ich glaub nämlich, die ist nur Deko. Natürlich soll das keine Anregung zum Rauchen sein, um Himmels willen! Das sind so alleinlebende Kinder und das musste auch gestrichen werden. Das war ungefähr -ich schätze- 2002. Bei Übersetzungen passiert so etwas eher.

Ja…

Wenn du keine Fragen mehr hast, fand ich das ein sehr schönes Gespräch und ich hoffe, du kannst etwas damit anfangen!

Ja, auf jeden Fall! DANKE, dass du dir die Zeit genommen hast! 😊

Gerne!

So geht das Interview zu Ende! Hat es euch gefallen? Was fandet ihr besonders spannend? Wenn ihr noch keine Bücher von Kirsten kanntet, solltet ihr das nun unbedingt nachholen!

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